Taylor Swift - Folklore

Frauen im Pop müssen sich 20-mal neu erfinden. Sie müssen immer wieder neue Facetten zeigen und dann hoffen, dass alle damit einverstanden sind.“ Das sind Taylor Swifts Worte aus der Netflix-Dokumentation „Miss Americana“, die im Januar erschienen ist – eine Dokumentation über einen der erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Dementsprechend kann auf ihrem neuen und achten Album „Folklore“ die Angst zu versagen ein großes Thema sein. „Folklore“, das neue Album von Taylor Swift, soll die Quarantäne-Zeit des Popstars spiegeln.

Elf der 16 Songs entstanden gemeinsam mit Aaron Dessner, Jack Antonoff, der in der Vergangenheit nicht nur vielfach mit Swift zusammenarbeitete, sondern auch mit Lorde und Lana Del Rey, zeichnet für die Produktion beziehungsweise Mit-Songwriting fünf weiterer verantwortlich. Man mag die Handschrift der beiden in den jeweiligen Stücken hören, Dessners Trademark-Nichtrock mit seinem leichten Stolpern, den dezenten Störgeräuschen und Verschleppungen und dem Hang zur Dekonstruktion, schiebt sich recht tief in die Musik hinein und ist ebenso interessant wie vielfältig instrumentiert; Antonoff arbeitet behutsamer, näher an der reinen Lehre des Pop. Das „Indie-Album“, das viele vermuteten, ist es dennoch nicht geworden, Swift bleibt im Hause Swift die Chefin, die allermeisten Songs würden auch in ganz simplen Arrangements funktionieren. Was das Album aber sehr wohl charakterisiert, ihm eine Selbstverständlichkeit verleiht, die der Vorgänger LOVER nicht an jeder Stelle besaß, ist ihr Wille – nun, nicht zur Reduktion, wohl aber zu einer Besinnung auf sehr klassische Songs, denen alle Zumutungen der modernen Pop-Welt abgehen: Swift hat Lieder aufgenommen, die als schöner Fluss durch ein spätsommermüdes Zwischenreich fließen; dabei smarte, elektronisch grundierte Indierock-Varianten der vergangenen Jahre ebenso zitieren wie Neunziger-Pop zwischen den Wallflowers und Natalie Imbruglia und Folk, Kammerpop sowie Artverwandtes, vom Laurel Canyon bis ins Greenwich Village. Mal zärteln sie („Seven“), mal erzählen sie aus dem Bauch eines längst vergangenen Amerikas („The Last Great American Dynasty“), oft berichten sie von der Liebe beziehungsweise dem, was davon so übrig bleibt. Was der Höhepunkt des Albums ist? Schwierig zu sagen, das Retrospektive, das Swifts Textarbeit prägt, führt zu vielen schönen Geschichten. Vielleicht ist es „Illicit Affairs“, die gelungenste Bilanzierung heimlicher Sexualbegegnungen seit Prefab Sprouts „The End Of The Affair“. Womöglich „August“, wo ihre Stimme im Refrain herrlich hüpfend von einer Sommerliebe singt, „sipped away like a bottle of wine“. Kann aber auch sein, dass es „Mirrorball“ ist, in dem die Rolle der Künstlerin als Projektionsfläche untersucht wird.
Ach ja, und dann wäre da ja auch noch das Bon-Iver-Feature: „Exile“ ist auch sehr gut, sitzt aber so früh auf diesem Album, dass man es am Ende schon wieder vergessen hat. Ein bisschen schade. Aber auch ein starker Hinweis darauf, dass es auf FOLKLORE keine einzige schwache Nummer gibt.

Tracklist / Infos

01. betty 
02. the last great american dynasty 
03. my tears ricochet 
04. cardigan 
05. this is me trying 
06. exile [feat. Bon Iver] 
07. august 
08. peace
09. mirrorball 
10. the 1 
11. hoax 
12. invisible string 
13. mad woman 
14. seven 
15. illicit affairs 
16. epiphany 


Drucken